EIN SCHÖNER RÜCKEN KANN AUCH ENTZÜCKEN –

  

ein empfindlicher oder schmerzhafter Rücken aber das Reitvergnügen für beide Seiten wesentlich beeinträchtigen

  

  

Lange Zeit wurde dem Rücken von medizinischer Seite zu wenig Beachtung geschenkt.

 

Die so genannte Gerätemedizin, z. B. Röntgen oder Ultraschall, ist am Rücken nur bedingt zur Diagnostik einsetzbar. So ist es nicht verwunderlich, dass Lahmheiten aller Art immer von unten nach oben herausdiagnostiziert werden. Man beginnt am Huf mit der Untersuchung und endet theoretisch am Rücken. Meist aber findet sich bis dahin schon etwas und dem Rücken wird nicht mehr die notwendige Beachtung geschenkt.

 

Oft zeigen sich Rückenprobleme auch nicht als Lahmheit und Schmerz, sondern vielmehr nur in Form von mangelnder Leistung in verschiedenster Form. So wird die Diagnose Rückenproblem meist im Ausschlussverfahren gemacht. Wenn sich sonst nichts findet, dann sind es die Schulter, die Hüfte oder der Rücken.

  

Um Rückenprobleme verstehen zu können muss man um die anatomischen und mechanischen Voraussetzungen Bescheid wissen.

  

Das Pferd ist ein relativ massiges Tier. Um diese Masse am Leben zu erhalten muss einerseits viel Nahrung aufgenommen werden. Deshalb sollte Pferde auch mehrmals täglich gefüttert werden wenn sie nicht auf der Weide stehen. Andererseits muss das Stützskelett so gebaut sein, dass der Körper durch ein kompliziertes System von Knochen, Gelenken, Sehnen und Muskeln ohne viel Energieaufwand stehen kann. Nach dem gleichen Prinzip sind viele Brücken gebaut.

  

  
Die Verbindung zwischen den Knochen, besonders den Rückenwirbeln und den Beinen wird durch Muskeln und Sehen gewährleistet. Damit diese „automatisch“ funktionieren – wir müssen ja auch nicht nachdenken um aufrecht stehen zu bleiben - sind sie besonders gut mit Nerven versorgt.

  

Wenn dieses System nun gestört wird, sei es durch eine Verletzung oder sei es durch falsche Belastung, dann werden diese Muskeln übermäßig gereizt und der Rücken reagiert übersensibel auf äußere Reize. Dazu zählt auch die untersuchende Hand – oder die Putzbürste. So wird als erstes die Überempfindlichkeit oder die mangelnde Funktion auffallen. Hochgradige Schmerzäußerungen sind selten. So kann es auch passieren, dass die Problematik über einige Zeit nicht richtig erkannt und gedeutet wird. Weiters sind die Äußerungen individuell je nach Temperament und Sensibilität des Pferdes sehr unterschiedlich.

   

Unbedingt notwendig für eine ordentliche Diagnostik ist ein möglichst umfangreicher Vorbericht. Es sollte daher immer jene Person bei der Untersuchung anwesend sein, die auch sonst mit dem Pferd arbeitet. Es macht keinen Sinn nur den Stallburschen hinzustellen und sonst dem Untersucher keine weiteren Informationen zu geben. Oft ergeben sich die Fragen erst während der Untersuchung. Also, bitte immer selbst anwesend sein und sich Zeit nehmen.

   

Eine orthopädische Untersuchung ist selten in wenigen Minuten abgehandelt.

   

Zuerst wird das Pferd in Ruhe inspiziert. Inspiziert deshalb, weil das Schauen oft ganz wesentliche Eindrücke ergibt. Sobald man den Rücken angreift, kann es schon zu Reaktionen und Verspannungen kommen, die den Grundzustand nicht mehr zeigen.

   

Erst nach eingehendem Hinschauen beginnt man mit der manuellen Untersuchung von Wirbelsäule und umgebenden Muskeln.

   

Als nächstes ist das Pferd in der Bewegung zu begutachten. Dazu zählen alle möglichen Arten wie etwa das Vortraben, das Longieren oder auch vor dem Wagen oder unter dem Sattel.

   

Nach einer Ruhephase wird noch einmal der Zustand des Organismus auf etwaige Veränderungen untersucht.

   

Wie bei anderen orthopädischen Untersuchungen auch können lokale Injektionen in der Diagnostik helfen. Ein schmerzhemmendes Mittel wird in eine verdächtige Region injiziert. Sind danach die Symptome weg, dann ist der Ort lokalisiert.

   

Erst jetzt kommen diverse technische Hilfsmittel zur Anwendung. Am bekanntesten sind Röntgen und Ultraschalluntersuchungen.

   

Röntgen dient der Erkennung fester Strukturen, vor allem Knochen, Ultraschall im Gegensatz dazu gibt besonders gute Ergebnisse bei Veränderungen weicher Gewebe, z.B. Muskel und Sehnen.

   

Bei der Thermographie wird mittels einer speziellen Kamera die Oberflächentemperatur am Tier sichtbar gemacht. Entzündungsherde sind wärmer und so rot verfärbt. Chronische, schlecht durchblutete Veränderungen sind kalt und am Bild blau eingefärbt.

   

Die Szintigraphie verwendet radioaktive Substanzen. Sie werden intravenös verabreicht und reichern sich in Entzündungsgewebe an. Hier werden sie mittels spezieller Aufnahmetechniken nachgewiesen. Diese Untersuchung ist aufwendig und großen Kliniken vorbehalten.

   

Welche spezifischen Veränderungen gibt es nun?

   

Verschobene Wirbel“ sind derzeit groß in Mode. Die darauf folgende chiropraktische Manipulation allein ist selten von großer therapeutischer Wirkung.

Wirbel können zu einander „verstellt“ sein. Das ist aber, außer bei Unfällen, immer Folge von Muskelverspannungen. Das Einrichten der Wirbel ist daher nur von kurzer Dauer wenn nicht gleichzeitig die Ursache der Verspannung beseitigt wird. Also: Vorsicht bei der alleinigen Diagnose „verschobene Wirbel“ und alleiniger Therapie „Chiropraxis“.

   

Die häufigste Ursache von Rückenproblemen sind die bereits genannten Muskel“verspannungen“. Ursachen sind meist mangelnde Ernährung und Kondition und darauf folgend inadäquate körperliche Bewegung. Also das uns allen bestens bekannte Pferd, das 23 Stunden in der Box steht um sich nicht zu verletzen und dann rausgefischt und durch die Halle getrieben wird. Da ist die 23 Stunden vermiedene Verletzung bereits manifest. Nicht als Kratzer am Fell, aber als Muskelverletzung unterm Fell. Und bis das erkannt wird vergehen oft Wochen, ja Monate. Und wenn dann endlich der Tierarzt kommt und diese Ursache erkennt – dann ist der Besitzer beleidigt, weil er kann ja schließlich reiten und lässt sich von dem Doktor doch nicht kritisieren.

   

Über einen längeren Zeitraum kommt es zu Verletzungen der kleinen Bänder zwischen den einzelnen Wirbeln. Hier vor allem an der Unterseite. Ähnliches passiert auch bei uns Menschen. Mangelnde Kondition, schlechte Körperhaltung und zu wenig Bewegung bedingen zuletzt die uns bekannte Spondylarthrose. Und genauso wie wir können sich auch die Pferde nicht mehr so richtig bewegen und biegen.

An der Oberseite stoßen die Wirbel aneinander weil die Wirbelsäule nicht mehr in Spannung getragen wird. Entzündungen an der Beinhaut sind die Folge. Dies ist sehr schmerzempfindlich und dementsprechend versucht das Pferd die Bewegung so weit wie möglich einzuschränken.

   

Eine andere, häufige Schmerzzone ist das „Kreuz“. Hier ist sozusagen die Kupplung zwischen dem Motor der Hinterhand und dem tragenden Gerüst der Wirbelsäule. Einerseits ist das Gelenk zwischen Lendenwirbelsäule und Kreuzbein, andererseits jenes zwischen Kreuzbein und Becken betroffen. Lang anhaltende falsche Belastung führen zur Versteifung und Bewegungseinschränkungen.

   

Und zuletzt nicht zu vergessen: der Sattel. Nicht oder schlecht sitzende Sättel behindern massiv die Rückenmechanik und führen so zu den unterschiedlichsten Problemen. Ein zu weiter Sattel zum Beispiel drückt auf die Schulterblätter und behindert die Bewegung in der Vorhand, andere Probleme ergeben sich aus der Druckbelastung im Lendenbereich. Die Muskeln werden hart, die Übertragung der Bewegung von hinten nach vorne funktioniert nicht mehr. Der Sattel muss vor allem dem Pferd passen - und nicht dem eigenen Hintern!!

    

Und dann ist da noch das weite Feld des Hufes. Jede Fehlstellung überträgt sich auf die Wirbelsäule. Versuchen sie einmal mit zwei Schuhen mit unterschiedlichen Absätzen einen Tag zu gehen. Nach einer Stunde sind die Rückenschmerzen nicht mehr auszuhalten.

   

Wie sieht nun die Therapie aus?

   

Der Kern jeder Therapie ist die Beseitigung der Ursache! Und nicht die Beseitigung der Symptome ! Was der Besitzer aber immer wieder fordert, ist die „rasche Heilung“. Und die ist nur mit der Bekämpfung der Symptome zu bewerkstelligen. Wollen sie das wirklich???

Warum lassen sie dem Therapeuten nicht die Zeit zuerst die Ursache zu finden und dann diese gezielt zu bekämpfen oder zu beseitigen?

   

Nach exakter Diagnose und Ausschluss anderer Ursachen ist in erster Linie Ruhe und Zeit zur Ausheilung erforderlich.

   

Dann sind Änderungen im eigenen Verhalten und im Management zuzulassen. Ein neues Aufbau- und Trainingsprogramm, Rehabilitationsmaßnahmen, Futterumstellung oder was sonst noch vorgeschlagen wird (Sattel, Hufschmied).

   

Schmerzmittel sind nur bedingt sinnvoll einsetzbar. Schmerz hat immer eine wesentliche Funktion: die Schonung des gefährdeten Organs. Nimmt man den Schmerz, läuft das Pferd wieder, aber nur solange das Schmerzmittel wirkt - und danach?

   

Der Technikglaube schlägt auch hier zu. Stoßwellen, Magnetfeld, Ultraschall und viele andere Geräte werden angeboten. Sinnvoll sind nur die, die vom untersuchenden Tierarzt angeraten werden. Jedes Gerät hilft. Aber nur dem Hersteller, nicht immer dem Patienten.

   

Chiropraxis, siehe oben, ist nur als begleitende Maßnahme und nur von geübten Praktikern zu empfehlen. Ebenso begleitend sind Homöopathie und Akupunktur zu betrachten.

   

Meistens ist der Besitzer/Reiter die Ursache der Rückenprobleme. Geben sie dem Pferd doch wenigstens so viel Zeit zur Rehabilitation wie sie es vorher entgegen der Natur krumm und schief geritten/gefahren haben.

  

Dr. Friedrich Wollinger
Fachtierarzt für Pferde
office@wollinger.at

  

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