ERSTE HILFE BEIM PFERD

  

Als Pferdebesitzer wird jeder früher oder später mit Notfällen der unterschiedlichsten Art, zumeist Verletzungen konfrontiert.

Die Ursachen sind meist in den speziellen Verhaltensweisen des Pferdes begründet. Eine ist der ausgeprägte Fluchtinstinkt, ein anderer das hierarchische Dominanzsystem untereinander und in der Herde.

 

Neben den Verletzungen können auch akute Koliken, Lahmheit, Erkrankungen unterschiedlichster Genese oder auch Geburten für den Besitzer zu Notfällen werden, die es im ersten Augenblick zu meistern gilt.  

 

Welche Zeichen für einen möglichen Notfall gilt es zu beachten?

 

Blutende Verletzungen sind offensichtlich, Koliken, fieberhafte Krankheiten oder innere Verletzungen sind aber nicht immer gleich zu erkennen.

    

Dazu ist es notwendig, das normale Verhalten seines Pferdes und die PTA - Normalwerte für Puls(32+/-), Temperatur(37,5+/-) und Atmung(18+/-) zu kennen.

    

Weitere Hilfsmittel können relativ einfach unter fachmännischer Hilfe gelernt, geübt und im Ernstfall verwendet werden.

  

Die Farbe der sichtbaren Schleimhäute am Kopf ist normalerweise blassrosa, Verfärbungen bis weiß bzw. rot bis dunkelrot oder blau sind Ausdruck eines krankhaften Geschehens.

Drückt man auf das Zahnfleisch so ist dieses anschließend heller und nimmt seine ursprüngliche blassrosa Farbe innerhalb von zwei Sekunden wieder an.

  
 Ist diese Kapillarfüllungszeit verzögert, so ist das Ausdruck eines gestörten Blutkreislaufes und damit Hinweis auf einen krankhaften Zustand.

  

Die Hautelastizität, gemessen durch kurzes Anheben und wieder Loslassen einer Hautfalte am seitlichen Hals zwischen zwei Finger und das anschließende rasche und gleichmäßige Verstreichen derselben ist ein Maß für den Wasserhaushalt des Pferdes und damit seines Gesundheitszustandes.

  

Farbe, Konsistenz und Menge von Harn sind oft wichtige Hinweise für Probleme des Stoffwechselsystems.

  

Verhaltensänderung wie Atemgeräusche, Freßunlust, Unruhe, Lethargie, Schmerz, Krämpfe, Lähmungserscheinungen, Schwellungen, Blutungen oder ungewöhnliche Ausscheidungen in der (aufgewühlten) Box sind Zeichen, dass "irgendetwas nicht stimmt".

  

Wie kann man für den Ernstfall vorsorgen?

  

Um Panik im Falle des Falles zu vermeiden, sollte man sich grundsätzlich mit der Möglichkeit eines Notfalles auseinandersetzen und dass er scheinbar immer zur unrechten Zeit eintritt.

  

Im Stall sollten g u t s i c h t b a r die Telefonnummern von:

  

a.       Stalltierarzt
b. Tierärztenotdienst
c. Tierklinik in erreichbarer Entfernung
d. Helfer für Behandlungen
e. Transportmöglichkeit ("wer hat ein Fahrzeug und wer fährt es?!")
f. Transportbegleiter
möglichst beim Telefon angebracht sein.

b.          

Ein Erste - Hilfe Kasten für Pferde enthält (ihr Tierarzt hilft bei der Zusammenstellung):

  

Verbandmaterial in ausreichender Menge und Qualität
Desinfektionsmittel
Thermometer
Pinzette groß und klein
Schere (scharf) rund und spitz
Gummihandschuhe
Wasserkübel
Schreibzeug
Taschenlampe (incl. funktionierender Batterien)
Eine kleineres Erste – Hilfe Set für den Transporter,
Bandagen, Transportgamaschen, Halfter und Strick für den Transporter sind auch kein Luxus!

  

Was macht man im Falle des Falles als Erstversorgung?

  

Als erstes gilt es Ruhe zu bewahren.
Die eigene Ruhe und Besonnenheit überträgt sich auf eventuell ebenfalls anwesende und weniger geschulte Personen, besonders aber auf das Pferd. Umgekehrt macht Hektik auch das ruhigste Tier zur potentiellen Gefahr für sich und seine Umgebung.

Das Verbringen in einen sicheren Standort erleichtert die Arbeit und schützt Pferd und Helfer vor weiteren Verletzungen.

Eine besondere Kunst ist das Delegieren von Aufgaben, wie den Tierarzt rufen, das Pferd halten oder den Erste - Hilfe Kasten holen macht die Arbeit effektiver.

Die dem Tierarzt telefonisch durchgeben Beobachtungen helfen diesem den Ernst der Situation einigermaßen einzuschätzen.

Besonders wichtig:

  

KEINE MEDIKAMENTE VERABREICHEN,

  

es hilft zumeist nicht und kann häufig den Fall verschlimmern.

  

Wenn es aber schon geschehen ist: den Tierarzt unbedingt davon informieren. Auch und besonders wenn man die Sinnhaftigkeit selbst anzweifelt.

  

Den Anweisungen des Tierarztes ist unbedingt Folge leisten. Er übernimmt bei seinem Eintreffen die Verantwortung und ist auf Mithilfe, nicht auf Diagnosen und Therapievorschläge angewiesen.

  

Bei blutenden Wunden ist das Pferd zuerst vor weiteren Verletzungen durch Panikreaktionen zu schützen und in eine ruhige Umgebung zu bringen.

  

Wundinspektion NUR unter Mithilfe eines Zweiten, der das Tier verlässlich halten und beruhigen kann.

  

Wundversorgung erst nach telefonischem Kontakt mit dem Tierarzt, der entsprechend den gemachten Beobachtungen Anweisungen geben kann.

  

Blutungen können manchmal durch einen sorgfältigen, sauberen, nicht abschnürenden Druckverband vorerst abgedeckt und häufig gestillt werden.

  

Desinfektionsmittel nicht auf offene Wunden leeren, reines, kaltes Wasser eignet sich bestens für eine erste Reinigung und Versorgung.

  

Einen eingetretenen Nagel im Huf nur entfernen, wenn die Gefahr besteht, dass er noch weiter eingetreten wird. In diesem Fall Einstich markieren und Tiefe und Richtung für die weitere Versorgung unbedingt zu beachten.

  

Nach jeder Verletzung der äußeren Haut wird eine Vorbeugeimpfung gegen Tetanus vom Tierarzt durchgeführt werden, auch wenn das Pferd früher eine Schutzimpfung erhalten hat.

  

Oberstes Gebot bei der Ersten Hilfe ist Besonnenheit und Selbstschutz.
Nur ein unverletzter Helfer ist ein effektiver Helfer.

  

Dr. Friedrich Wollinger
Fachtierarzt für Pferde
office@wollinger.at

  

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