Der richtige Sattel

  

ist alles andere als leicht zu finden. Wer stand noch nicht vor diesem Problem.

  
Der Sattel passt meinem Auge, er passt meinem Allerwertesten – aber passt er auch meinem Pferd?
  
Der richtige Sattel ist ganz einfach zu finden:
  
Er verteilt das Gewicht des Reiters gleichmäßig über die lange Rückenmuskulatur,
lässt den Widerrist frei und behindert die Bewegung des Schulterblattes nicht.
Er bringt das Gewicht des Reiters mit seinem Schwerpunkt über den Schwerpunkt des Pferdes.
  
So einfach ist es eine für beide Seiten komfortable Lösung zu finden. Erfüllt der Sattel aber auch nur eines  dieser Kriterien nicht, so kann es für das Pferd und/oder den Reiter ziemlich unbequem werden. Der Grundstein für eine unendliche Geschichte von Widersetzlichkeit bis zu scheinbar unerfindlichen Lahmheiten ist gelegt.
  
Gleichzeitig sollte aber im Hinterkopf bleiben, dass jeder Sattel nur ein Kompromiss sein kann. Der Sattel ändert sich im Laufe der Zeit, vor allem aber ändert das Pferd seine Figur immer wieder. Und wir doch auch, oder ?

  

Wir greifen zur nächsten Konfektionsgröße. Und dem Pferd schnüren wir weiter den selben Sattel um.
  
Unbestritten ist auch, dass es keinen Universalsattel für jede Verwendung gibt.

  

Jogginganzüge mit Gummizügen am Bund und mitwachsende Leggings sind für Pferde noch nicht erfunden.

  

Und wären wahrscheinlich mindestens so unansehnlich wie bei unseren Mitbürgern.

  

Trailsättel sind anders gebaut als Reinigsättel, Springsättel anders als Dressursättel.
Wird ein Pferd in mehreren Disziplinen geritten, sollte es selbstverständlich sein, dass es dafür auch verschiedene Sättel hat.
  
Der Ursprung von Sattelproblemen kann aber noch weiter zurück liegen. Beim Kauf des Pferdes. Vieles wurde beachtet, untersucht und zur Entscheidung herangezogen. Rasse, Geschlecht, Alter, Farbe, Korrektheit der Gänge – aber nicht die Figur in ihrer Gesamtheit.
  
Zu kurze oder zu lange Rücken, hoher oder fehlender Widerrist, steile oder flache Schulter – viele dieser Kriterien beeinflussen das richtige Anpassen eines Sattels.
  
Man sollte schon beim Kauf auch auf die korrekte Figur seines auserwählten Pferdes achten. Es erleichtert später die Suche nach dem richtigen Sattel ungemein.
  
Überhaupt ist die Subjektivität des Besitzers oft Ursache von großen Sattelproblemen. Ein wesentlicher ist das gut gemeinte Überfüttern der Tiere. Und gut gemeint ist einer alten Weisheit zufolge oft das Gegenteil von gut gemacht. Selten ist ein Sattel zu finden, der auf Speckwülstchen passt.
  
Dann ist da noch die Verwendung des Pferdes in einer Disziplin, die es nicht beherrscht. Ursprünglich als Freizeitpferde gekauft, taucht bei einem sonntäglichen Turnierbesuch der Wunsch auf, auch mitzumachen. Einige Kurse werden gebucht, eventuell das Tier sogar in Beritt gegeben – und der Rücken ist auf dem Weg sich zu verabschieden. Weil er langfristig nicht darauf trainiert ist. Und wenn er es ist, dann passt der alte Sattel nicht mehr. Nur keiner merkt es. Vorerst.
Man sollte immer wieder nur an sich selbst denken. Im Frühling wird der Winterspeck rasch abtrainiert. Wir passen nach einigen Wochen wieder in unser altes Gewand.
Im Herbst kehrt langsam die Faulheit wieder ein. Und die Feiertage geben unserer Figur den Rest. Einige Gewandstücke verschwinden in den unteren Regalen.
  
Das Pferd hat nur ein Stück. Und das soll übers ganze Jahr passen. Unbedacht ob Training, Koppel oder Boxenruhe die Basis der sportlichen Betätigung ist. Wie soll da der Sattel das ganze Jahr passen?
  
Nicht zu vergessen sind die reiterlichen und/oder orthopädischen Probleme des Reiters. Ein schiefer Reiter überträgt dieses Problem auf das Pferd. Ein Mensch, der 8 Stunden vor dem Bildschirm oder hinter dem Lenkrad „lümmelt“ im Verein mit einem Pferd, das 23 Stunden in einer Box verkümmert – das kann nicht unbedingt auf den Sattel abgewälzt werden. Aber wenn der dann auch nicht passt -.
  
Wesentlich beim Anpassen eines Sattels ist, dass er beiden passen muss. Dem Pferderücken und dem verlängerten Menschenrücken. Oft aber ist zu hören: „der Sattel passt!“ Wem ? Nur allzu oft dem Allerwertesten, aber nicht dem Pferd.
Wer jemals einen schlecht oder falsch gepackten Rucksack getragen hat, der weiß was passiert.
  
Oft wird der Sattel auch falsch aufgelegt. Zu weit vorne behindert er die Freiheit der Schulter und damit die Aktion der Vorhand. Zu weit hinten drückt er auf die lange Rückenmuskulatur und auf die Nierenregion. Die Kraftübertragung von der Hinterhand auf den Rücken und damit die Vorwärtsbewegung sind blockiert.
  
Korrigiert werden solche Mängel oft mit straffer Gurtung und diversen aufpolsternden Pads. Ein Pad, das wegen der Druckreduktion unter einen zu engen Sattel gelegt wird, wirkt wie dicke Socken in ohnehin schon zu engen Schuhen.
  
Blöd, nicht ?! Aber beim Sattel da legen wir alles möglich unter anstatt die Grundpassform zu beachten. Ein enger Sattel drückt auf die Muskulatur hinter dem Schulterblatt und lässt diese verkümmern. Als Folge wird der Druck nicht mehr von diesem Trapeziusmuskel getragen, sondern geht direkt auf die lange Rückenmuskulatur. Der Rücken versucht sich zu helfen, die Muskulatur verspannt.
Oft sind hinter den Schulterblättern kleine Gruben zu sehen. Sie sind das erste Zeichen von gröberen Problemen.
  
Häufig werden diese „Löcher“ mit diversen Pads „ausgestopft“. Die Folge ist, dass der Druck noch verstärkt, die Durchblutung der Muskulatur behindert und damit das Problem nicht beseitigt, sondern verstärkt wird.
   
Worauf ist nun besonders zu achten?
  
+ Symmetrie der Seitenteile von vorne und von hinten
+ gleichmäßige Auflage das Sattels am Rücken über dem Schwerpunkt
+ Freiheit von Widerrist und Schulterblättern
+ gleichmäßiger Kontakt zum Rücken in der Ruhe und in der Bewegung
+ genügend Kammerweite um die Wirbelsäule freizuhalten
+ Brustgurt knapp hinter den Ellbogen
+  korrekte Position des Reiters im Sitz
  
Der Pferderücken wird in mannigfaltiger Art und Weise negativ beeinflusst.
Je nach Ursache - mangelhafte Passform, falsche Auflage, Konstitutions- und Konditionsmängel sind die Auswirkungen auf bestimmte Regionen konzentriert.
  
Was aber neben der Sattelproblematik selten beachtet wird:
  
Die häufigste Ursache für Rückenprobleme des Pferdes sind neben dem Sattel die reiterlichen Qualitäten. Das will aber selten jemand hören.
  
Es ist immer praktischer die Schuld bei jemandem oder etwas anderem zu suchen als bei sich selbst. Der geübte Praktiker erkennt bei gezielter Beobachtung meist den Kern des Problems. Pferderücken, Sattel und Menschenpo sind eine Einheit – zumindest beim Reiten. Und meist ist nicht einer alleine schuld. Immer aber ist einer der Leidtragende. Unser Freund, das Pferd.
  
Also: Selbstkritik stärken, Sitz korrigieren und Sattel kontrollieren.


  

Dr. Friedrich Wollinger
Fachtierarzt für Pferde
office@wollinger.at

  

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