Dr. Friedrich WollingerNamibia
Pferdezucht im Allgemeinen und die Araber des Ernst Vermeulen im Besonderen
Das Klima an der Küste ist moderat und zieht immer mehr deutsche Pensionisten zum Überwintern hierher. Deutsche deshalb, weil Namibia das einzige Land Afrikas ist, das eine relativ große deutschsprachige Population (ca. 20.000 Menschen) aus der Kolonialzeit erhalten hat.
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Die ersten waren Handwerker und Bauern und kamen zu Beginn des vorigen Jahrhunderts als Siedler mit großen Dampfschiffen aus dem Norden Deutschlands. Dann folgten die Kaufleute und es wurde die deutsche Verwaltung eingerichtet.
Viele Gebäude sind noch erhalten und zum Teil restauriert.
Von der Küste durchquerten sie eine der trockensten Wüsten der Erde, die Namib, auf der Suche nach fruchtbarem Farmland.
Die Folge waren mehr oder weniger problematische Begegnungen mit den jeweiligen ortsansässigen, schwarzen Völkern. Viele lokale Verträge über Grund und Boden wurden unter oft eigenartigen Umständen abgeschlossen. So bekam ein örtlicher Dorfkaiser einen schicken, deutschen Anzug für Land von der Größe Wiens. Andere, wie z.B. die Hereros oder Namas (in älteren Geschichtsbüchern lauern sie noch als gefährliche Hottentotten auf weißes Fleisch) wollten diesen Handel oft nicht mitmachen und wehrten sich. Zu ihren Ungunsten. In blutigen Schlachten wurden sie „umgestimmt“. Heute noch verhandelt die namibische Regierung mit der Deutschen über Reparationszahlungen. Und die ortsansässigen, deutschstämmigen Siedler verweisen auf Verträge ihrer Väter mit den altvorderen Häuptlingen von damals.
Neben dieser deutschen Volksgruppe leben noch ca. 60.000 Englisch und Afrikaans Sprechende Weiße im Land. Sie kamen nach den Deutschen aus Südafrika als Beamte und Siedler. So sind heute 90% des Landes in der Hand von 10% der Bevölkerung. Dass das nicht unproblematisch ist, konnte man in den letzten Jahren in Zimbabwe sehen.
Die namibische Regierung hat aus dem wirtschaftlichen Niedergang des Nachbarn nach Vertreibung der Weißen offensichtlich ihre Schlüsse gezogen. Man ist derzeit bestrebt, im Zuge einer umfassenden Landreform die Gewichte neu zu verteilen, ohne die Wirtschaft dabei zu ruinieren.
Das Land ist zum größten Teil Steppe oder Halbwüste mit Niederschlägen von höchstens 50 mm an der Küste bis maximal 600 mm im Norden. Der Landesdurchschnitt liegt bei 300 mm. Und dieser Regen fällt nur zwischen Dezember und März. Den Rest des Jahres ist der Himmel strahlend blau.Dementsprechend groß ist der Bedarf an Land pro Rind oder Pferd. Kann man bei uns pro Hektar zwei Pferde halten, braucht man in Namibia je nach Gegend 20 bis 100 Hektar.
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Wasser ist hier mehr als alles andere Lebensgrundlage.
Der Wert einer Farm ergibt sich aus dem durchschnittlichen Niederschlag, dem Zustand der kilometerlangen Zäune und der Zahl der Wasserlöcher (Wasser wird aus 100 Meter Tiefe hochgepumpt). Die Hauptarbeit auf solch einer Farm ist so die Instandhaltung der Wassersysteme. Dämme sollen den Regen des Sommers für einige Zeit konservieren.
Die Brunnen werden meist von noch mechanischen Windrädern betrieben. Langsam setzen sich auch Solarsysteme durch. Noch sind sie meist zu teuer. Und werden deshalb auch gerne gestohlen.
Daraus ergeben sich Farmgrößen von durchschnittlich 10.000 ha. Diese Fläche ist zur Gänze von Zäunen durchzogen, um damit ein optimales Weidemanagement durchführen zu können.
Sie werden jahraus jahrein von zwei bis drei Mann in Stand gehalten. 1,10 Meter hoch, aus fünf Drähten zwischen Pfählen (Abstand ca. 30 Meter) gespannt, die dazwischen mit Ästen oder alten Hartplast-Wasserschläuchen als Schwebepfähle in Form gehalten werden. Wild kann diesen Zaun mühelos überspringen. Warzenschweine und andere kleinere Typen gehen unten durch.
An den Zäunen erkennt man auch den jeweiligen Typ einer Farm.
Ursprünglich wurden Rinder, Schafe und Ziegen gehalten. Hier reicht der einfache Zaun.
Die Farmerei ist aber in der heutigen Zeit, die auch in dieser Gegend Einzug gehalten hat, nicht mehr wirtschaftlich. Immer mehr Farmer entschließen sich daher, Gäste aufzunehmen und Foto- oder Jagdsafaris anzubieten. Hier sind die Zäune doppelt so hoch, oft auch in Doppelreihe bei besonders wertvollem Wildbestand, der bodennahe Teil ist nochmals mit feinmaschigem Draht geschützt.
Man kann zur Jagd stehen wie man will (schon Ferdinand Raimund sagte: Dem lieben Herrgott sei´s geklagt, es gibt nix dümm´res als die Jagd) - aber in Namibia ist sie ein wesentlicher Wirtschaftszweig.
Ein Jagdgast aus dem Norden ist bereit (warum auch immer) viel Geld zu bezahlen, dass er hier auf afrikanisches Wild schießen darf. Ein Beispiel: Der Farmer bezahlt seine Landarbeiter zum Teil in Naturalien, also mit Fleisch. Fleisch vom Wild auf seiner Farm. Der „Jäger“ bezahlt für ein Zebra (das ohnehin geschossen werden müsste) soviel wie der Monatslohn von zwei Arbeitern ausmacht.
Und das Fleisch bleibt auch auf der Farm.
Man sagt, dass es kein Wild mehr im Land gäbe, gäbe es die Jagd nicht.Das heißt, die „Jäger“ aus dem Norden sorgen mit ihrem Geld für eine nachhaltige Pflege des Wildbestandes.
Klingt blöd, ist aber so.
Andernfalls wäre von der örtlichen Bevölkerung längst alles, was sich bewegt aufgegessen worden (Zitat eines ansässigen Farmers).
Eine weitere Alternative für die Farmer eröffnet sich in der Pferdezucht vor allem für den südafrikanischen Markt und in der Pferdehaltung für abenteuerlustige Touristen. Land ist genug vorhanden. Und die unterschiedlichsten Pferderassen auch.
Gezüchtet werden Showpferde wie z.B. American Saddlebred, aber auch Spring- und Dressurpferde bester deutscher Abstammung z.B. mittels Tiefgefriersperma aus Hannover - oder Quarter Horses mit Sperma österreichischen Ursprungs.
Für Touristen ist natürlich aufgrund der Landschaft am ehesten der Distanzritt interessant.
Angeboten wird alles. Vom Tagesritt auf der Farm bis zur mehrtägigen Wüstendurchquerung mit abschließendem Bad im kühlen Atlantik, Wüstenelefantensuche in den trockenen Gebieten des Nordens bis zum Besuch bei den Buschleuten der Kalahari im Osten des Landes.
Deutsches Warmblut, Quarter Horse, ja sogar Haflinger sind vereinzelt im Einsatz. Die Bedingungen sind aber in erster Linie dem Araber auf den Leib geschneidert.
Wir besuchten die Farm von Ernst Vermeulen nahe der Kalahari im Osten des Landes irgendwo im Nirgendwo.
12.000 ha Farmland betreiben er und seine Familie in dritter Generation. Buschland auf dem Sandboden wird konsequent gerodet, anschließend ein spezielles, für diesen Boden der Kalahari geeignetes Gras angebaut und nach einem auf langjähriger Erfahrung beruhenden System bewirtschaftet. Haupteinkommen sind die 800 Rinder, die je nach Vegetation auf der Riesenfläche umgetrieben werden.
Daneben hat Ernst aber die Lust am Distanzpferd befallen. Mit großem zeitlichem und finanziellem Aufwand hat er sich verschiedene Methoden der Pferdausbildung angesehen und daraus seine spezielle Form, angelehnt an Parelli, entwickelt.
Heute besitzt er 40 Araber. Alle selbst gezogen. Und alle selbst ausgebildet. Sein Markt sind die Distanzreiter Namibias und Südafrikas.
Nebenbei ist er auch noch Sattler. Ein Problem, das auch hierzulande kaum lösbar erscheint, ist in Afrika allgegenwärtig. Der richtige Sattel.
Ernst Vermeulen hat aus der Not eine Tugend gemacht - und das Sattlerhandwerk erlernt.
Mittlerweile ist er ein gesuchter Mann für Vorträge und Kurse im ganzen Land. Des Reisens allmählich müde und weil er mit der Farm genug andere Arbeit hat, verlegt er sich nun darauf, die Kurse bei sich zuhause abzuhalten.
Von der Hauptstadt Windhoek fährt man zuerst eine Stunde auf der Asphaltstraße nach Osten Richtung Botswana. Dann biegt man auf die in Namibia übliche Sandstraße ab. Diese Art der Straße ist mit unseren nicht zu vergleichen. Ständige Pflege und da nicht durch Wind und Wetter belastet, sind diese Straße mit 80 - 100 km/h mit etwas Übung zu befahren. Nach weiteren zwei bis drei Stunden steht man am Einfahrtstor. Aber man ist noch nicht da. Nochmals eine halbe Stunde auf farmeigenem Weg geht es durch den Busch. Von Skorpion bis Elefant kann einem da alles vors Auto laufen. Hier sind dann maximal 30 km/h angebracht.
Und dann stehen sie plötzlich da.
Araber, wie man sie nach dieser Fahrt am Rand der Kalahari nicht vermuten würde.
In einer Landschaft fast wie in Irland.
Rund ums Farmhaus frische, grüne Wiesen. Die waren aber nicht immer so grün.
2.000 ha (ein Bauernhof bei uns hat rund 20 ha) Busch wurden für Weideland gerodet und Steppengras angebaut.
Ein 20x40 m Viereck, ein 18 m Round Pen und Paddockboxen für die Herren der (Pferde-) Schöpfung.
Die Gastfreundschaft war wie so oft in diesem Land schon fast peinlich. Wollt ihr dies? Oder wollt ihr das? Wollt ihr hier schlafen? Oder doch lieber im Bungalow ?
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Eine Frage schien unverfänglich.
Stellte sich aber später als kleine Herausforderung dar:Kennt ihr Kudu?
Ja, das ist ein hirschähnliches Wild.
Esst ihr Kuduleber? Ja, warum nicht. Man muss alles ausprobieren.
Nur die Kuduleber kam nicht. Nicht an diesem Abend.
Sie kam am nächsten Morgen. Geröstet - zu Kaffee, Marmelade und Toast.
Zum Frühstück.
Nach kurzem Überlegen fanden wir sie aber selbst um diese Tageszeit und im Verein mit Marmelade und Toast köstlich.
Vorerst gab es eine Lektion in afrikanischer Wundbehandlung.Diejenigen unter der geneigten Leserschaft, die den Autor kennen, wissen, dass sich meine Wundversorgung häufig auf Reinigung und Spülung mit kaltem, sauberem Wasser beschränkt.
Tetanusprophylaxe vorausgesetzt (für die, die schon eine Augenbraue hochgezogen haben).
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So ergab es sich nun, dass sich eine Dreijährige eine Risswunde über dem Carpalgelenk zugezogen hatte.
Zuerst zeigte uns Ernst, wie er ein rohes Pferd aus der Herde holt und zum Wasser führt. Dann reinigte und spülte er die Wunde mit frischem, klarem Wasser.
Und fragte mich, was ich sonst noch tun würde.
Ich dankte ihm und versprach diese seine - und meine Methode - im Rahmen eines Artikels über Namibia und über die Araber des Ernst Vermeulen zu veröffentlichen. Und ihn als Zeugen meiner Therapievorstellung zu präsentieren.
Und dann natürlich: Wollt ihr ausreiten? Na klar!Da zeigte sich dann auch noch die andere Seite der Naturbelassenheit. Nicht jedes Pferd, das angeblich geritten wird, ist zu reiten. Zumindest nicht an jedem Tag.
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Ernst hat sich seiner angenommen und uns eine kleine Vorstellung von Erziehung und Korrektur geboten.
Zuerst dachten wir, einer von beiden werde sich wohl etwas brechen. - Nach einer Stunde Doppellonge und carrot stick war die Stute überzeugt.
Der Afrikanische Pferdeflüsterer hat eine vorher nicht geplant Vorstellung gegeben.
Nur dass er mich für diesen Titel würgen würde. Er liebt ihn so wie ich.
Business ist nicht sein Geschäft.
Eher schon der natürliche Umgang mit seinen/unseren Freunden.
Und die Kommunikation in der ihnen verständlichen Sprache.
Die babylonische Sprachverwirrung hat nur uns Menschen betroffen.
In der Ausreitgruppe wurde Deutsch, Afrikaans, Englisch und Nama gesprochen.
Die Pferde haben sie alle verstanden. Nicht weil sie so intelligent sind.
Sondern weil die Reiter sich bemüht hatten "pferdisch" zu sprechen.
Auch im tiefsten Busch im scheinbar unterentwickelten, schwarzen Kontinent, am Rand der Kalahari, können wir Menschen noch viel lernen.
Nun waren Pferd und Gast zum Ausreiten bereit.
mehr Fotos unter: namibia.htm