Natursprung oder Künstliche Besamung

    
   
Das Zuchtgeschäft hat in den letzten Jahren einen großen Wandel erlebt.
             
Das ist einerseits eine Sache der Wirtschaftlichkeit, andererseits aber auch eine einfache Methode die Gesundheit eines Hengstes zu schützen.
                       
Der Natursprung wird immer mehr eine Sache der einfachen Landeszucht.
Wertvolle Hengste stehen heute fast nur noch auf Stationen, die die Künstliche Besamung praktizieren.
   
Ausgenommen Robustpferderassen wie z.B. Isländer oder Huzulen.
Hier wird in alter Tradition seit je her der Herdensprung mit hoch qualifizierten Hengsten praktiziert.
Eine Methode, einen Hengst für eine gewisse Zeit mit einer Stutenherde laufen zu lassen, wie sie früher in der Natur des Pferdes üblich war.

   
Hier soll aber in erster Linie über die Entwicklung der KB bei den Großpferden berichtet werden.
                         
Die Argumente für den Natursprung sind kaum medizinische, sondern nach heutigem Wissensstand nur scheinbar praktische, bequeme oder auch nur sentimentale.
                           
Praktisch und bequem ist es, wenn der Hengst nicht allzu weit von der Stute entfernt steht. Praktisch und bequem ist es, wenn ich mich als Besitzer nur um den Transport und dann um nichts weiter kümmern muss. Praktisch und bequem ist es, wenn auf der Hengststation ein auf Pferdezucht spezialisierter Tierarzt arbeitet.
                       
Und die sentimentalen Gründe, dass der Stute ein Vergnügen entgeht –
Wer schon einmal dabei war wird diesen Gedanken nicht weiter verfolgen. Oft ähnelt der Deckakt eher einer Vergewaltigung. Würde man die Stute fragen – viele würden um Künstliche Besamung bitten. Auf dieses im wahrsten Sinn einmalige Erlebnis würde sie auch gerne verzichten.
               
Neben dem Nachteil der Verletzungsgefahr für Personal und Geschlechtspartner kommt noch eine wesentliche Gefahr hinzu:
Genitalinfektionen = Geschlechtskrankheiten.
                             
Tupferproben, Abstriche vom Muttermund der Stute vor dem Decken, zeigen nur den bakteriellen Keimstatus des äußeren Genitales an. Was in der Gebärmutter los ist und ob eine verdeckte Virusinfektion vorliegt, die die Zuchttauglichkeit nachhaltig negativ beeinträchtigen kann, zeigen sie nicht.
So ist der Deckhengst im Natursprung ständig einer Infektionsgefahr ausgesetzt und in weiterer Folge auch die nachfolgenden Stuten.
                         
Bis diese Infektionen klinisch sichtbar werden, ist die Decksaison vorbei. Und nicht jede Geschlechtskrankheit ist mit Penicillin heilbar.
                       
Das sind einige der Gründe, warum die Künstliche Besamung in großen Schritten voranschreitet.
               
Reicht es mir, wenn ich meine Stute beim nächsten (passenden) Hengst „ums Eck“ abgebe und weiters keine Arbeit habe, dann ist das ein Vorteil des Natursprunges.
                             
Will ich aber eine bessere Hengstauswahl, kein Verletzungsrisiko für Personal und Pferde und kein Infektionsrisiko, dann ist die Künstliche Besamung aktuell.
                               
Verletzungsrisiko bleibt nur noch für den untersuchenden Tierarzt. Sein Risiko.
                           
EU – zertifizierte Deckstationen unterliegen zahlreichen Vorschriften und werden laufend auf deren Einhaltung kontrolliert.
                           
Das Infektionsrisiko ist durch umfangreiche, vorgeschriebene Untersuchungen für den Hengst auf ein Minimum reduziert.
                             
Vor Beginn der Saison müssen Blut, Genitalorgane und Samen mehrmals klinisch und mittels Speziallabor untersucht und gesund befundet werden. Erst dann bekommt er die amtliche Besamungsbewilligung.
                                 
Da aber bei jedem Natursprung eine Neuinfektion möglich ist, darf dieser Hengst nur künstlich abgesamt, aber nicht im Natursprung verwendet werden.
So werden auch Stuten, die an derselben Station stehen wie der Hengst nur künstlich befruchtet.
                         
Die oben erwähnte Wirtschaftlichkeit für den Hengsthalter liegt darin, dass im Bedarfsfall aus einem Ejakulat mehrere Portionen gewonnen werden können. Dass also an einem Tag mehrere Stuten besamt werden können. Das dient aber auch der Fruchtbarkeit und der Kondition des Hengstes.
                       
Künstlich gewonnenes Ejakulat kann für die weitere Verwendung unterschiedlich bearbeitet werden. Nach genauer Qualitätskontrolle wird der Samen für einen Kühltransport bei 4° oder für Tiefgefrierung bei minus 196° vorbereitet.
                             
Frischsamen kann so binnen 24 Stunden mittels Botendienst praktisch in ganz Europa verschickt und zugestellt werden. Entsprechende Deckvorbereitung der Stute vorausgesetzt ist der Hengst so in gesamten europäischen Raum einsetzbar.
                       
Tiefgefriersamen ist aufwendiger in der Herstellung. Auch eignet sich nicht jeder Hengst zum Frieren. Man sollte daher bei der Auswahl von Tiefgefriersamen besonders nach der bisherigen Trächtigkeitsrate fragen.
Er wird in flüssigem Stickstoff transportiert und gelagert. Das bedarf höheren finanziellen Aufwand beim Transport und eigene Container zur Lagerung.
Auf Grund der meist geringeren Qualität ist auch dem Zuchtmanagement der Stute besonderes Augenmerk zu widmen.
Tiefgefriersamen sollte nur von in der Pferdezucht erfahrenen Tierärzten verwendet werden. Und auf Grund des großen Zeitaufwandes nur stationär verarbeitet werden.
                     
Nach heutigem Wissensstand ist die Künstliche Besamung dem Natursprung in vieler Hinsicht überlegen und vorzuziehen:
                           
Künstliche Besamung verhindert Deckinfektionen und Deckverletzungen
                       
Samentransport ist weitaus problemloser als Tiertransport
                         
Tiefgefriersperma kann bei -196° C praktisch unbegrenzt gelagert werden, sodass das genetische Erbe eines Spitzenvererbers bis lange nach dessen Deckfähigkeit erhalten und genutzt werden kann.
                         
Natürlich gibt es auch Nachteile.
                           
Der erste wäre der im Durchschnitt höhere finanzielle Aufwand.
Das ist natürlich auch der Grund, warum die Künstliche Besamung bei Rassen mit niederen Preisen nur vereinzelt interessant ist.
                         
Genaue Bestimmung des Eisprungs erfordert Erfahrung und ist entscheidend für den Erfolg der KB
                         
der Postversand ist am Wochenende nicht immer sicher,
                         
die Samenqualität ist durch zu langen oder unsachgemäßen Transport unter Umständen vermindert
                             
Tiefgefriersamen ist auf Grund der geringeren Qualität nur stationär zu verarbeiten.
                   
Haben Sie:
                       
einen speziellen Hengst im Auge, der auf einer anerkannten Besamungsstation steht und zur Besamung zugelassen ist
und/oder
eine transportunerfahrene Stute, ev. mit Fohlen bei Fuß
und
einen in der Pferdebesamung erfahrenen Tierarzt,
                   
dann ist die Künstliche Besamung das Mittel der Wahl in der modernen Pferdezucht.
                         
Haben Sie:
                         
keine Bedenken
und
wollen weiters keine Arbeit haben
und
einen passenden Hengst "ums Eck",
- oder eine Robustpferderasse - (siehe oben)
dann ist der Natursprung immer noch ok.
    

Natursprung oder Künstliche Besamung -
es ist immer eine große Überraschung, was rauskommt.

 

   
Dr. Friedrich Wollinger
Fachtierarzt für Pferde
office@wollinger.at
   
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