|
Die ersten Nebelschwaden haben
sich bereits in unser Gemüt geschlichen.
Nasen tropfen, Husten und Röcheln allerorten.
Die Holzkohle an der Tankstelle ist abverkauft. Im Gartenpool schwimmt
nur noch Laub.
Baumärkte und Einkaufszentren fahren bereits die Weihnachtsdekoration aus den
Lagern.
Winter wird´s.
Wie jedes Jahr.
Und wie jedes Jahr wieder überwiegt bei den meisten die Mieselsucht.
Bewegung im Freien wird auf ein notwendiges Minimum reduziert, Fenster und
Türen dicht gemacht, die frische Luft als bedrohlich empfunden und gemieden.
Warum ? Weil es immer schon so
war.
Das ist für uns schon ein Problem.
Aber für unsere Pferde ist das der Beginn der ohnehin befürchteten Probleme.
Die Wissenschaft nennt das „self fullfilling prophecy“. Eine Prophezeiung,
deren Inhalt erst dadurch wahr wird, dass sie in den Raum gestellt worden
ist.
Pferd brauchen im Winter:
Einen gesunden Start,
Bewegung,
Frische Luft,
Optimales Futter,
und genug frisches Wasser
Pferde müssen nicht:
eingesperrt werden,
Türen und Fenster geschlossen haben,
gefrorenes, schimmliges oder anderes minderwertiges Futter
oder einen Kübel Gefrorenes zur Verfügung haben.
Die Vorbereitungen sind jetzt zu machen.
Das Pferd ist auf den Winter vorzubereiten. Der Stall, die Koppel und die
Unterstände auch.
Boxen und Unterstände sind jetzt bis zum Boden auszuräumen. Beschädigte
Stellen sind auszubessern, Nägel, Schrauben und sonstige hervorstehende Teile
zu entfernen.
Ein neuer Anstrich des Mauerwerks nach einer gründlichen Reinigung mit
Desinfektionsmittel und Dampfstrahler kann auch nicht schaden.
Zu guter Letzt freut sich der Bewohner über ein neues Bett in Form einer
dicken Matte frischer Einstreu.
Bei Offenstall- und Koppelhaltung sind die Zäune auf ihre
Funktionstüchtigkeit zu überprüfen. Bei minus 10° ist nur schwer ein neuer
Steher in den Boden zu rammen.
Die Stromversorgung hat zumeist auch spätestens bei den ersten Herbstwinden
gelitten.
Unterstände sind wie die Boxen auszuräumen, zu renovieren und am Ende mit
einer dicken Matte frischer Einstreu zu versehen.
Bei den Unterständen ist darauf zu achten, dass ein funktionierende Drainage
Wasser nach außen und nicht hinein leitet. Außerdem ist auf genug Platz
(mindestens 10 m2) pro Pferd zu achten. Eingang und Ausgang sollen einerseits
leicht passierbar sein da oftmals starke Leitpferde die Schwächeren nicht
reinlassen indem sie den Eingang blockieren, andererseits aber so angelegt
sein, dass Wind und Wetter nicht ungehindert reinpfeifen können.
Bevor man aber nun die neuen Stallungen mit den Bewohnern beschickt, sind
diese auch gründlich zu „reinigen“. Und zwar innerlich.
Eine Entwurmung entsprechend dem jeweiligen Befall ist die erste und
wichtigste Maßnahme. Da jedes Wurmmittel wie auch jede andere Medizin auch
gleichzeitig ein Gift ist, sollte man nur das verwenden, was unbedingt
notwendig und wirksam ist. Ihr Tierarzt gibt ihnen nach Untersuchung einer
Kotprobe das optimale Präparat. Billig eingekaufte Mittel, die ohne vorherige
Untersuchung auf Notwendigkeit und Wirksamkeit angewandt werden, können so
wesentlich teurer kommen.
Und einmal mehr bedeutet dann „Gut gemeint ist das Gegenteil von gut
gemacht“. Diesmal aber auf Kosten ihres Pferdes. Finger weg von
Gelegenheitskäufen unter dem Ladentisch, im Stall oder im Internet. Die
Untersuchung einer Kotprobe kostet ab € 5,00 und sie erhalten das Präparat,
das tatsächlich hilft.
Als „vorbeugende Reinigung“ könnte man auch die Schutzimpfung bezeichnen. Der
Winter ist die Zeit, in der vermehrt Infektionskeime auftreten und in der das
Immunsystem ihres Tieres gefordert ist. Dazu muss man es aber vorher in die
Lage versetzen zu reagieren. Das geschieht durch die richtige Schutzimpfung.
Am häufigsten ist der Atmungstrakt betroffen. Dafür gibt es verschiedene
Impfstoffe. Den jeweils optimalen für ihre Bedingungen kann ihnen der
Haustierarzt in einem Beratungsgespräch empfehlen.
Egal was sie nun entscheiden, aber im Herbst ist Sorge zu tragen, dass mit
Beginn der kalten Jahreszeit die Immunisierung abgeschlossen ist. Wir gehen
ja auch nicht im Februar „Grippe impfen“, sondern im September und „gegen
Zecken“ nicht im August, sondern im März.
Für einen optimalen Impfschutz ist nach der Grundimmunisierung gegen Herpes
zweimal jährlich zu impfen, Influenza ist alle neun Monate aufzufrischen,
Tetanus mindestens alle zwei Jahre, besser jährlich.
Im Zuge der Impfung sollten unbedingt auch die Zähne kontrolliert werden. Im
Laufe eines Jahres nützen sich die Zähne ungleich ab. Scharfe Kanten und
Ecken behindern das optimale Mahlen des Futters, die Verdaulichkeit nimmt
rapide ab, die Verfügbarkeit von Nährstoffen für den Organismus ist eingeschränkt.
So kann man das Futter auch gleich auf den Mist werfen und die Darmpassage
einsparen. Wer würde das machen?
Im Zuge der Schutzimpfung erhalten sie auch die Kontrolle der Zähne von ihrem
Tierarzt und nötigenfalls kann so auch deren Korrektur gleich vorgenommen
werden.
Eine weitere körperliche Arbeit, die am Pferd notwendig ist, sind die Hufe.
Manchmal werden sie in der warmen Jahreszeit etwas vernachlässigt. Eis und
Schnee erlauben das nicht.
Je nach Aufstallung und Verwendung wird sie der Hufschmied beraten welche
Form der Hufbehandlung und welcher Beschlag optimal sind. Barfuss, Eisen,
Grips, Stollen oder Hufschuhe – all das ist möglich, muss aber individuell
entschieden werden. Nur irgendetwas muss entschieden werden – und optimal
ausgeführt werden. Vor dem ersten Schnee.
Es ist wie mit den Winterreifen. Jeder weiß, dass der Winter kommt, keiner
glaubt´s und dann stehen alle vor den Werkstätten in den Schlangen und
fluchen über den Winter und die langen Wartezeiten in den Werkstätten bzw.
beim „faulen“ Hufschmied.
Auch er hat nur zwei Hände und kann dann nicht überall gleichzeitig sein.
Ihm ist bei seiner Arbeit immer warm.
Dem Pferd ist nicht immer warm. Wer aber jetzt mit dem Kopf nickt und sagt:
„na eben!“, den muss ich enttäuschen. Der größte Unfug ist, wenn der Stall
luftdicht verschlossen wird. Das Pferd macht es sich selbst warm. Wie ? Mit
Hilfe seines Winterfells . Die langen, dichten Haare schaffen einen
Luftpolster, der die kalte Luft von der Haut fernhält. Regen und Schnee
werden durch den Fettgehalt der Haare ebenfalls am Vordringen zur
Hautoberfläche gehindert. Wer sein Pferd im Winter wenig oder gar nicht
reitet, der kann sich auf den Winterpelz verlassen.
Reiter leiden aber unter dem nassen Pelz nach der Bewegung. Solarien mit
Luftumwälzung helfen hier. Wie ein Solarium ohnehin in jeden Stall gehört.
Mehr als ein Waschplatz. Warum wird am Solarium immer wieder gespart? Es
hilft beim Aufwärmen, es ist eine Erholung für das Pferd und zum Abschwitzen
ist es auch fast unerlässlich.
Um das Problem des verstärkten Schwitzens einzudämmen werden Turnierpferde
häufig geschoren oder zumindest eingedeckt. Die diversen Decken sollen groß
genug sein um nicht zu „zwicken“, aber auch klein genug, dass sie nicht total
verrutschen und so am Morgen zusammengerutscht um den Hals hängen. Auch hier
gilt: „billig ist nicht immer gut“. Beratung und Anprobe sind unerlässlich.
Zweites Problem des falsch verstandenen Wärmebedürfnisses ist die Frischluft.
Die Lunge des Pferdes ist ein ziemlich großes, und nur teilweise belüftetes
Organ. Der tiefe Teil der Lunge dient nur als Reserve für größere
Belastungen. Im Alltag entspricht der Luftumsatz dort dem eines alten
Kellers. Schad- und Schwebstoffe aus der Umgebung werden inhaliert und sinken
in die Tiefe. Hier beginnen sie ihr Unwesen zu treiben. Kaum ein Stallpferd,
das noch nicht Problem mit der Atmung hatte. Warum ? Weil die Umgebung des
Pferdes den ursprünglichen Gegebenheiten des frei lebenden Wildpferdes nicht
mehr entspricht.
Pferde leben im Winter nicht in Höhlen. Sie sind immer draußen. Und sie
können sich an Temperaturen zwischen plus 40° und minus 40° adaptieren. Wir
müssen sie nicht einsperren. Und wir müssen nicht alle Türen und Fenster
schließen.
Wir müssen dem Pferd nur die Gelegenheit geben, sich an die wechselnden
Klimaverhältnisse anzupassen. Je mehr draußen und je mehr frische Luft umso
besser. Auch im Herbst und auch im Winter. Das einzige, was sie da draußen
brauchen, ist Zugang zu frischem Wasser und genug gehaltvollem Futter. Wasser
ist vor Vereisung zu schützen. Entsprechende frostsichere Tränken sind heute
schon am Markt. Und Futter ist ganztägig, am besten in regen- und
schneesicheren Raufen anzubieten.
Rund um Tränken und Futterstellen ist besonders auf guten Boden zu achten.
Matsch und Eis sind zu vermeiden oder zumindest mit genügend Stroh
auszugleichen.
Der Winter ist nun einmal bis zu 5 Monate Gast bei uns. Ob erwünscht oder
nicht – er hat sich eingeladen – wie die ungeliebte Verwandtschaft.
Mit entsprechender Einstellung
und Vorsorge kann er uns und unseren Pferden auch eine Menge Freude bereiten.
Wer das nicht akzeptieren will, muss sich sein halbes Leben
einschließen –– oder muss sich nach Mallorca oder Teneriffa absetzen.
Das Pferd wird aber in den seltensten Fällen mitgenommen. Lassen sie
wenigstens ihrem Pferd den Spaß – und lassen sie es geimpft, entwurmt und mit
frischem Wasser und Futter versorgt raus in die frische Luft.
|